Gesehen, gelesen, gedacht. Für Sie zur Inspiration.

Hier finden Sie in loser Folge Gedanken zu Kunst und Gesellschaft, zu einer Ausstellung, einem Buch oder etwas anderem, das meine Aufmerksamkeit weckte.

07. Juli 2017

Augen auf!
Skulptur oder Hydrant? Installation oder Renovation? Zufall oder Gestaltung? Wer neugierig durch die Welt geht, sieht mehr, gerade in der Sommerzeit, wo sich das Leben im Freien abspielt. Besonderheiten fallen ins Auge, in der eigenen Stadt und andernorts. Man stutzt, bleibt stehen, freut sich, fragt sich – und Bilder aus der Kunstwelt scheinen auf. weiterlesen
08. Mai 2017

ANDREA BÜTTNER. Ein ganz besonderes Brot

Ich betrachte oft Kunst, das liegt in der Natur meiner Sache, der Kunstvermittlung. Kunst ist sozusagen mein täglich Brot. Oft ist es Weissbrot, um im Bild zu bleiben; verlockend, knusprig, schnell konsumiert und ebenso schnell vergessen. Zuweilen sind es altbackene Brötchen, nicht weiter erwähnenswert. Manchmal ist es Vollkornbrot, nahrhaft, intensiv zu kauen und etwas schwer verdaulich. Und manchmal – das kommt eher selten vor – erlebe ich, das ich vor einem Werk stehe, und es ist geschieht etwas ganz Besonderes. Zuerst ist es eine ästhetische Attraktion, im eigentlichen Sinn des Wortes attrahere, lateinisch anziehen: Das Werk entwickelt einen magischen Sog, dem ich folgen muss. Ich gehe hin. Da ist eine künstlerische Form, die einfach stimmt in ihrer unvollkommenen Vollkommenheit. Und dann geschieht noch mehr. So kürzlich geschehen in der Kunsthalle St. Gallen vor Werken der mir bis dahin unbekannten Künstlerin Andrea Büttner (*1972/D).

Ich kam ganz unvorbereitet zur Ausstellung.

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14. Januar 2016

Selfies der anderen Art: Künstlerporträts im Kunsthaus Zürich bis 28.2.2016

«Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?» Die saloppe Frage kreist um die Selbstbefragung in Zeiten fragmentierter und unsicherer Existenzen. Kunstschaffende inszenierten lange vor der heutigen Selfiemanie Bilder von sich selbst. Doch ihre Selbstbilder sind mehr als Oberfläche: Sie kreisen um Berufsverständnis, Geschlechterrollen, An- und Einsichten über körperliche Verfassungen und seelische Zustände – aber auch um die Frage, wer und wie ich auch noch sein könnte oder vielleicht bin. Um es mit dem jungen Arthur Rimbaud zu sagen: «Je est un autre».

Zu sehen sind Werke von Lovis Corinth, Ferdinand Hodler, Urs Lüthi, Manon u.a.m., so eine fotografische Selbstinszenierung der britischen Künstlerin Gillian Wearing als ihre eigene Mutter (s. Abb.). Wie viele Frauen würden das freiwillig tun? Und was löst das in den Betrachtenden aus? Eine inspirierende Schau!

07. Oktober 2015

Was würden Sie retten, wenn' s im Museum brennt?
Vivienne Westwood, die Grand Old Lady der Mode-Avantgarde, gibt in ihrer direkten Art eine Anleitung zur Verfeinerung unserer Sehgewohnheiten. Und sie sagt klar und deutlich: Kunst ist kein Softeis!

«Kunst ist das Gegenteil von Konsum, denn man kann sie nicht aufschlecken wie ein Softeis. Man muss sich anstrengen, Kenntnisse erwerben, seine Wahrnehmung schärfen und vergleichen lernen. (…) Meinen Studenten in Berlin habe ich immer gesagt: Geht in die Nationalgalerie und findet in jedem Saal heraus, welches Bild ihr retten würdet, wenn Feuer ausbricht. Wenn ihr dasselbe sechs Monate später noch einmal macht, werdet ihr feststellen, dass ihr andere Bilder retten würdet. Eure Beurteilungskriterien werden sich verfeinert haben.» Vivienne Westwood
23. Juni 2015

Klee & Kandinsky in Bern: «Goethe & Schiller» der bildenden Kunst
Kennen Sie das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar? Die beiden Literaten, Freunde und Konkurrenten, posieren seit 1857 nebeneinander auf dem Sockel, reichen sich die Hände, und ihr Blick geht in die Weite, doch in verschiedene Richtungen. Rund 60 Jahre später posieren Klee und Kandinsky in derselben Haltung an der Atlantikküste. Die Pose ist Programm: Zwei grundverschiedene Menschen, zwei hoch talentierte Künstler gehen gemeinsame Wegstrecken zwischen Freundschaft, Inspiration und Konkurrenz.

Dies aufzuzeigen, ist das Ziel der Ausstellung im Zentrum Paul Klee Bern in Zusammenarbeit mit der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München. Die beiden Häuser sind die Kompetenzzentren für den jeweiligen Meister der klassischen Moderne. Mit dieser Zusammenschau eröffnen sie dem Publikum tatsächlich Neues. weiterlesen
01. März 2015

Peter Robert Berry. Maler zwischen Segantini und Hodler

In St. Moritz befindet sich in einer Privatvilla ein besuchenswertes Museum, das dem einstigen Kurarzt und Maler Peter Robert Berry (1864–1942) gewidmet ist. Die Ölgemälde, Pastelle und Zeichnungen sind zumeist im Familienbesitz. Im Zusammenspiel der Werke mit Einrichtungsgegenständen, Fotografien, Malutensilien und Dokumenten wird anschaulich, wie Berrys Leben und Werk mit der Engadiner Landschaft verbunden ist.

Verschiedene Einflüsse auf dessen Malerei sind auszumachen. So Giovanni Segantinis Motivwahl, die divisionistische Maltechnik und das Licht; Ferdinand Hodlers markante Umrisslinien und die grosszügige Behandung der Flächen. In seinen Figurenbildern sind in der freien Linienzeichnung Einflüsse von Toulouse-Lautrec und in Pferdezeichnungen Inspirationen von Degas erkennbar, deren Arbeiten er anlässlich seiner Pariser Studien an der Académie Julian mit Sicherheit sah. 

Peter Robert Berry malte oft in freier Natur. Zwischen 1905 und 1914 verbrachte er manche Winter auf dem Julier- und Berninapass, wo er tagsüber draussen malte und abends im Hospiz auf seinem per Schlitten mitgebrachten Klavier spielte. Bild: © Berry Museum St. Moritz.
www.berrymuseum.com

09. September 2014

Den Louvre muss man gesehen haben, meint alle Welt. Leider
Wann waren Sie letztmals im Pariser Louvre? Und woran erinnern Sie sich? Ich war schon sehr lange nicht mehr da, und von meinem kürzlichen Besuch bleibt mir vor allem etwas in Erinnerung: Tausende von Besucherinnen und Besuchern aus aller Welt, die nach stundenlangem Anstehen vorbeiziehen an Tausenden von Bildern in Hunderten von Sälen, stets das Handy gezückt und alles fotografierend, was an den Wänden hängt. Ebenso präsent bleibt meine Überforderung ob all der Sinneseindrücke bereits nach kurzer Zeit. Dabei bin ich doch Museumsbesuchsprofi! weiterlesen
18. August 2014

Gastspiel im Museum Rietberg: Jso Maeder, experiment – raum als «werk»

Die museale Präsentation von Kunst ist noch nicht alt. Ob ein Bild von Leonardo, eine Buddhastatue oder eine Madonna: Werke, einst eingebettet in Orte, Räume und Funktionen, nun ihrer Funktion enthoben, ihrem angestammten Ort entrissen und im white cube präsentiert; das Objekt, vis-à-vis das Subjekt, das ersteres betrachtet, schön findet und haben will. Das ist Voraussetzung für den Kunsthandel und -markt. Auch die Objekte im Rietberg werden hier zu 'Kunst' im gängigen Sprachsinn. Jso Maeder setzt dem in der aktuellen Ausstellung etwas anderes entgegen. Er baut einen Raum auf, wo etwas einbricht, wo ein Zeit- und Erfahrungsraum entsteht.

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10. August 2014

Das Kunstzitat. Von Robert Musil
«Was bleibt von der Kunst? Wir als Veränderte bleiben.»

In Zeiten der rasenden Ökonomisierung von Kunst erscheint der Satz von Robert Musil (1880–1942) auf den ersten Blick weltfremd. Kunst ist begehrte Handelsware, die sorgsam kuratiert und konserviert wird. Jedoch in einem grösseren Zeithorizont betrachtet, wird davon nichts bleiben, kein Fresko, kein Mosaik, kein Gemälde, keine Skulptur, schon gar keine Arbeit auf Papier. Der Satz des berühmten Schriftstellers Robert Musil zielt auf den immateriellen Wert eines Werkes und auf dessen Wirkung. Das Kunstwerk erwacht erst durch unseren aufmerksamen Blick zum Leben und vollendet sich im stillen Dialog. Wir werden von ihm berührt, es spricht zu uns, verändert uns. Und als Veränderte bleiben wir zurück.

19. Juni 2014

Roman Signer, Mind the Gap!
In der Galerie Hauser & Wirth Zürich war bis vor kurzem ein Werk von Roman Signer ausgestellt, das mich sehr beeindruckte: In der Ausstellung  dringt vorerst unverständlich, doch wiederholt eine Lautsprecherdurchsage ans Ohr. Wir gehen vorbei an zwei Betten mit hellblauen Matratzen, zum Doppelbett zusammengestellt. Und plötzlich verstehen wir die Durchsage, die dazu gehört. Es ist die Warnung aus der Londoner und der New Yorker U-Bahn: Mind the Gap! Achtung, gefährlicher Spalt zwischen Perron und Zug. weiterlesen
06. März 2014

Als die Bilder laufen lernten...
Vor gut 100 Jahren begann die Geschichte der bewegten Bilder, des Kinos. Varieté, Zirkus und Schaubuden boten das Ambiente für Spektakel-Kurzfilme mit Akrobaten, Zauberkünstlern und Schlangenmenschen. Wer an der Zürcher Bahnhofstrasse flaniert, sieht neuerdings in einem Schaufenster auf einem riesigen Screen weder Zauberer noch Tänzerinnen, sondern in der LED-Installation «Walking» des britischen Künstlers Julian Opie stilisierte menschliche Figuren, die nichts anderes tun, als endlos zu gehen und doch nirgends hinzukommen. weiterlesen
12. November 2013

Barnett Newman & ein Basler Disput um Geld, Geist und Kunstkopien
Wer hat beim Anblick moderner Kunst nicht schon gedacht: "Das könnte ich auch!"? In Basel ist in der Ausstellung Piet Mondrian – Barnett Newman – Dan Flavin ein Gemälde von Newman zu sehen, das aufgrund einer solchen Aussage tatsächlich nachgemalt wurde, und zwar von einem Basler Grossrat, von Beruf Bau- und Schriftenmaler. Day Before One von 1951 provozierte. Wie es dazu kam, dass Leo Lachenmeier 1975/77 zwei Bilder kopierte und welche Reaktionen das auslöste, ist nachzulesen in meinem Feuilletonbeitrag vom 9.11. 2013 in der Basler Zeitung (BaZ).
22. September 2013

Dead Artists Society in Baden
Bummeln in Baden. Ein zufälliger Blick in ein Seitengässchen. Auf einer Terrasse prangt eine grosse, bunte Kugel von Beat Zoderer. Wer die Klingelschilder und Briefkästen studiert, kommt ins Staunen: Da stehen Namen wie D. Judd, A. Jawlensky, J. Beuys und P. Klee. Eine Künstler-WG?! weiterlesen
05. September 2013

Literaturtipps zur Kunst im Zürcher Stadtraum
Diese drei neuren Publikationen sind anregend zum Schmökern und Losgehen, allein oder in der Gruppe, bei Interesse auch mit mir. Kontakt

«Kunst und Architektur im Dialog». 50 neue Kunst-und-Bau-Werke in Zürich. Edition Hochparterre 2013. Ein handliches Büchlein, mit Infos Fotos, Lageplänen.

Bernadette Fülscher, «Die Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Zürich. 1300 Werke – eine Bestandesaufnahme». Chronos Verlag 2012. Umfassendes Inventar.

«Art loops, Kunstspaziergänge durch die Zürcher Stadtkreise». Rundgänge ab Zürich HB. Faltkarten gratis beim Amt für Hochbauten. Download: http://www.stadt-zuerich.ch/artloops
27. August 2013

Ein lebender Terrakottakrieger
2006 bekam die 2000-jährige Terrakottaarmee des chinesischen Kaisers Qin Zuwachs: Der deutsche Künstler Pablo Wendel reihte sich nach langer Vorbereitung heimlich unter die Krieger, bis ihn die Wachsoldaten aufspürten. Der Künstler als Kopie eines chinesischen Terrakottakriegers: Damit gibt er der alten Kultur die Ehre und thematisiert Original und Kopie der Wirtschaftsmacht.

Ein Video der Aufsehen erregenden Aktion wurde unter die Alten Meister im Kunstmuseum Bern geschmuggelt, zeitgleich zur Ausstellung Qin. Der unsterbliche Kaiser und seine Terrakottakrieger im Historischen Museum. Noch bis 13. November 2013. Einen Augenschein gibt's hier.
02. August 2013

Bergell. Neue Kunst in alten Mauern
Über den Sommer gibt es im historischen Hotel Bregaglia und im Palazzo Castelmur im Bergell zeitgenössische Kunst zu entdecken. Kunstschaffende von Judith Albert über Christoph Rütimann und Roman Signer bis Zilla Leutengegger bespielen die beiden Häuser mit Witz, Tiefsinn und stets ortsbezogen. weiterlesen
10. Juli 2013

Gasträume. Temporäre Kunst auf öffentlichen Plätzen Zürichs

Lori Hersbergers Glaskulptur Dystopia Stalker am Paradeplatz provoziert. Bereits kurz nach der Vernissage waren nicht nur die bewussten Zerstörungen des Künstlers zu sehen, die dank Sicherheitsglas und -folie bloss Sprünge, aber keine Brüche verursachten. Glaswände waren zertrümmert und herausgebrochen. Der Glaserei-Pikettdienst war mehrfach im Einsatz.

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