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Katinka Bock, Sonar / Tomorrow's Sculpture in Winterthur
Nicht Miles & More wie das Vielfliegerprogramm zum Meilen Sammeln – Miles and Moments heisst eine wichtige Arbeit der deutschen Künstlerin Katinka Bock (*1976) in der Werkschau im Kunstmuseum Winterthur, die zum Schauen, Schmunzeln und Staunen bringt. Staunen über den Umgang der Künstlerin mit Materie von Ton bis Bronze, über den Umgang mit dem Raum vom Boden bis zwischen die Türrahmen, und Staunen über die Themen, die sie in ihrer ersten Museumspräsentation aufgreift.

Miles and Moments, die mehrteilige Bodenarbeit aus Keramik, bildet den Auftakt im Altbau bei den Klassikern der Moderne. Die mehrteilige, fast flach und teils bröckelnd am Boden liegende und eine Spur durch zwei Räume ziehende Arbeit entstand in Detroit, der abgewirtschafteten einstigen Hauptstadt der US-amerikanischen Autoindustrie. Die Künstlerin liess Autos auf der sechsspurigen Fahrbahn über ausgelegte Lehmrollen fahren und diese danach mit den eingedrückten Reifenspuren zu Keramik brennen. Miles, Meilen als Raumelemente und Momente dazwischen als Leerstellen, als Zeitelemente. Neben formvollendeten Plastiken Hans Arps verweist diese Installation auf menschliche Aktivitäten und auf nicht zu kontrollierende äussere Umstände. Auf Bewegung und Stillstand, auf Gestaltung und Verfall.

Sollten Sie sich nun fragen: Kann die Frau noch mehr? Im Annexbau von Gigon Guyer kommt die Vielfalt von Katinka Bocks Tomorrow's Sculptures voll zur Entfaltung. Sie lotet die Räume bis in die Ecken aus – der Begriff sonar im Titel spielt auf das Echolot an. Da hängen, stehen und liegen Objekte aus verschiedenen Materialien. Sie montiert Metallröhren hoch über den Köpfen, fädelt eine Keramikschlaufe an einer Stange zwischen Türpfosten und legt eine andere Form wie einen nassen Lappen auf einen Radiator, sie bettet eine mumienhaft anmutende Bronzeplastik auf den Boden und stellt in Bronze gegossene Kakteen als Gruppe auf. Die haptische Qualität und Schwere des feuchten Tons spricht noch aus diversen gebrannten Formen. Wie sich aufgestellte kurze Röhren scheinbar dem Eigengewicht hingeben oder dem Druck einer vor dem Brand aufgelegten Platte ergeben: Sie sind aus der perfekten Form geraten und stehen eingesunken und mit Wülsten da. Überraschend anrührend wirkt das, fast menschlich, obschon weit entfernt von klassischer Skulptur.

Nichts Heroisches, schon gar nichts Heroinenhaftes ist in Katinka Bocks Arbeiten. Vielmehr ganz Wesentliches, und zuweilen feine Ironie. Die Künstlerin findet primäre Zugänge, entdeckt Material und Raum neu. Und sie lässt uns in der sorgsam kuratierten Schau an ihren Neuentdeckungen Teil haben. Miles, Moments - and much more. Hingehen!
Noch bis zum 2.4.2018.