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ANDREA BÜTTNER. Ein ganz besonderes Brot

Ich betrachte oft Kunst, das liegt in der Natur meiner Sache, der Kunstvermittlung. Kunst ist sozusagen mein täglich Brot. Oft ist es Weissbrot, um im Bild zu bleiben; verlockend, knusprig, schnell konsumiert und ebenso schnell vergessen. Zuweilen sind es altbackene Brötchen, nicht weiter erwähnenswert. Manchmal ist es Vollkornbrot, nahrhaft, intensiv zu kauen und etwas schwer verdaulich. Und manchmal – das kommt eher selten vor – erlebe ich, das ich vor einem Werk stehe, und es ist geschieht etwas ganz Besonderes. Zuerst ist es eine ästhetische Attraktion, im eigentlichen Sinn des Wortes attrahere, lateinisch anziehen: Das Werk entwickelt einen magischen Sog, dem ich folgen muss. Ich gehe hin. Da ist eine einfache künstlerische Form, die einfach stimmt in ihrer unvollkommenen Vollkommenheit. Und dann geschieht noch mehr. So kürzlich geschehen in der Kunsthalle St. Gallen vor Werken der mir bis dahin unbekannten Künstlerin Andrea Büttner (*1972/D).

Ich kam ganz unvorbereitet zur Ausstellung. Ich lese auch keine aufliegenden Beipackzettel. Ich schaue erst nur. Zu sehen sind u.a. zahlreiche grossformatige Holzschnitte. Einfache Formen in reduzierter Farbigkeit, auf riesige helle Papierbogen gedruckt mit Schwarz, Grau, Rosa, Orange, hellem Blau. Ich stehe vor einer Arbeit, die formal schnell beschrieben ist: Ein von Hand geformtes, in Holz geschnittenes beige-graues Oval, von einem feinen weissen Rand umgeben, liegt mitten in einem rechteckigen schwarzen Feld. Im hellen Oval ist die Holzmaserung des Druckstocks sichtbar und belebt die Fläche. Unvermittelt steigt Freude in mir auf ob der stimmigen künstlerischen Lösung. Nichts zu viel und nichts zu wenig, zurückhaltende Farbe und markantes Helldunkel, mit technischer Könnerschaft gearbeitet (und schön schlicht gerahmt). Die Form erinnert entfernt an eine liegende Kartoffel, oder an einen Laib Brot. Ich stehe kurz vor dem Werk, und noch bevor ich den Bildtitel lesen kann, steigen mir Tränen in die Augen. Was ist dieses Andere, dieses Mehr nebst Farbe und Papier, das mich so unvermittelt trifft?

Ich lese den Werktitel, Bread Bepple, Brot-Kiesel. Brotstein? Brot und Stein? Hartes Brot? Ich betrachte die weiteren Werke mit Titeln wie Tent, Beggar, Potatoes oder ein Bild mit tanzenden Nonnen. Die Künstlerin befasst sich mit sozialen Fragen, Ethik und Spiritualität, von Franz von Assisi über Simone Weil bis zu dringlichen Themen unserer Gesellschaft wie Flucht, Hunger und Ausgrenzung.

Solche Themen übersetzt Andrea Büttner in visuell leicht wirkende Arbeiten, die trotzdem und mehrdeutig von gewichtigen Inhalten sprechen.

Eines der Zeltbilder wirkt wie eine grosse weisse Holzschnitt-Zeichnung auf hellblauem Grund; ein Zelt, das noch nicht ganz aufgestellt oder bereits wieder im Zusammensinken oder gar Wegfliegen begriffen ist. Dieses Zelt wurde nicht korrekt mit Haken in der Erde verankert; es hat gar keine Haken. Bei mir als Kunstbetrachterin steigen Genuss und Betroffenheit zugleich auf. Die Verdichtung, ja Hochpotenz dessen, womit sich die Künstlerin intensiv beschäftigt hat, springt über, wenn ich mich den Arbeiten aussetze. Was für eine direkte Energie, was für eine Wirkung! Hier trifft Komplexität auf handwerkliche Meisterschaft und Leidenschaft auf innovative Umsetzung. Bei diesen Werken ertappe ich mich dabei, mein Budget zu überschlagen und vor dem inneren Auge meine Wohnung damit zu schmücken. Denn solche Arbeiten können Begleiter fürs Leben sein. Kein gewöhnliches tägliches Brot, sondern ganz besondere Nahrung für Auge und Herz, immer wieder neu. -

Post Scriptum 1: Kürzlich las ich in einem Feuilletonbeitrag, dass das Versprechen der Kunst sich erst da ganz erfülle, wo die Erschütterung zum ästhetischen Vergnügen hinzukomme (Roman Bucheli).

Post Scriptum 2: Die vom Kunstmarkt-Getöse bisher in Ruhe gelassene Künstlerin Andrea Büttner wurde kürzlich für den Turner Prize nominiert, die wichtigste britische Auszeichnung für zeitgenössische Kunst, die alljährlich im Herbst in London verliehen wird. Vier Kunstschaffende stehen auf der Short List. Das Preisgeld beträgt 25'000 Pfund.