Gesehen, gelesen, gedacht. Für Sie zur Inspiration.

Den Louvre muss man gesehen haben, meint alle Welt. Leider
Wann waren Sie letztmals im Pariser Louvre? Und woran erinnern Sie sich? Ich war schon sehr lange nicht mehr da, und von meinem kürzlichen Besuch bleibt mir vor allem etwas in Erinnerung: Tausende von Besucherinnen und Besuchern aus aller Welt, die nach stundenlangem Anstehen vorbeiziehen an Tausenden von Bildern in Hunderten von Sälen, stets das Handy gezückt und alles fotografierend, was an den Wänden hängt. Ebenso präsent bleibt meine Überforderung ob all der Sinneseindrücke bereits nach kurzer Zeit. Dabei bin ich doch Museumsbesuchsprofi!

Die Ausmasse des Louvre sind gigantisch. Das einstige Schloss hat zwei Flügel von je 800 m Länge, mehrere Etagen und Hunderte von aufeinander folgenden Sälen auf einer Strecke von mehreren Kilometern. Seine Sammlung beherbergt rund 400‘000 Kunstwerke, davon 35‘000 ausgestellt auf einer Gesamtfläche von 16‘000 Quadratmetern. Ich wollte wieder einmal Die Freiheit von Eugène Delacroix sehen und Das Floss der Medusa von Théodore Géricault sowie die frisch restaurierte Nike von Samothrake. Zugleich wollte ich vermeiden, durch all die Säle mit den Meisterwerken von Dürer, da Vinci (von seiner Mona Lisa ganz zu schweigen), Rembrandt und Caravaggio gehen zu müssen. Doch trotz Mut zur Lücke, trotz zielstrebigem Losgehen und nach mehreren Irrwegen verliess ich den Kunstpalast nach drei Werken und einer halben Stunde (!) fluchtartig.

Was bleibt von der Kunst? fragt Robert Musil. Wir als Veränderte bleiben – falls es die Zeit erlaubt. Denn von den Tausenden, die die Werke fotografieren, bleiben die Allerwenigsten auch nur einen Moment stehen, um wirklich zu schauen. Das können sie später via Display – wenn sie es denn tun. Dabei ist es bei der Kunstbetrachtung die 1:1-Begegnung mit dem Original, mit seinen Ausmassen, seiner Raumpräsenz, die den Museumsbesuch abhebt von jeglicher Abbildung. Im ersten Moment fragte ich mich denn auch, weshalb im Louvre fotografieren erlaubt ist, im Gegensatz zu vielen anderen Museen. Dann ging mir der mögliche Grund auf: Fotografierend brauchen die Menschen viel weniger Zeit, als wenn sie die Kunstwerke in Ruhe betrachten würden! So zieht die Karawane weiter und macht der nächsten Platz.

«Ich weiß zwar nicht mehr, wieviele Stunden wir im Louvre verbracht haben, aber es war mehr als ein halber Tag und wir haben dabei nicht mal die Hälfte gesehen, was wirklich schade war.» Die obige Äusserung, die ich in einem Reiseblog zu Paris las, macht mich nachdenklich. 35‘000 gezeigte Kunstwerke, und in einem halben Tag «nicht mal die Hälfte gesehen»?! Und was heisst «gesehen»? Durchflaniert? Dokumentiert? Erlebt? Dagewesen? Welche Erwartungen werden erfüllt, und welche Enttäuschungen werden verschwiegen? Was bleibt von diesen Tempeln der Kontemplation und den Ikonen, die hier präsentiert werden?  

Ich ziehe ein ganz persönliches Fazit. Zu Museen umfunktionierte Prunkbauten wie der Louvre mit endlosen Raumfluchten eignen sich schlecht für inspirierende Begegnungen mit Kunstwerken. Die meisten Säle sind überfüllt, ruhiges Betrachten ist kaum möglich (ausser in der Antikensammlung). Und die Fluchtwege sind weit.

All jenen, die sich für die Schätze des Louvre interessieren und auch schnell zu ermatten drohen, sei hier ein Buch empfohlen: Henri Loyrette, Der Louvre.

Der Autor war zwölf Jahre Direktor des Museums bis im Jahr 2013. Der Sohn einer Ägyptologin hatte eine Dienstwohnung unter dem Dach eines Louvre-Flügels und konnte sich die Bestände ausserhalb der Öffnungszeiten in aller Ruhe ansehen... Das Buch ist ein Wälzer, informativ und reich bebildert. Wohlverstanden, Originale gehen grundsätzlich vor. Doch wenn sich die Institution durch ihren eigenen Erfolg totläuft, ist so ein Buch ein prächtiger Ersatz für lange Herbst- und Winterabende.

http://www.art-port.cc/artikel/2095-henri-loyrette-der-louvre/
http://www.amazon.de/Der-Louvre-Henri-Loyrette/dp/3896605984