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Gastspiel im Museum Rietberg: Jso Maeder, experiment – raum als «werk»

Die museale Präsentation von Kunst ist noch nicht alt. Ob ein Bild von Leonardo, eine Buddhastatue oder eine Madonna: Werke, einst eingebettet in Orte, Räume und Funktionen, nun ihrer Funktion enthoben, ihrem angestammten Ort entrissen und im white cube präsentiert; das Objekt, vis-à-vis das Subjekt, das ersteres betrachtet, schön findet und haben will. Das ist Voraussetzung für den Kunsthandel und -markt. Auch die Objekte im Rietberg werden hier zu 'Kunst' im gängigen Sprachsinn. Jso Maeder setzt dem in der aktuellen Ausstellung etwas anderes entgegen. Er baut einen Raum auf, wo etwas einbricht, wo ein Zeit- und Erfahrungsraum entsteht.

Der Betrachter, die Betrachterin muss sich hineinbegeben, kann das Werk nicht in der Komfortzone en passant geniessen und weitergehen, sondern muss sich in den Prozess einlassen, um das Werk sich entfalten zu lassen.

Die Verunsicherung stellt sich bereits beim Eingang zum Raum ein. Der Ort der Arbeit liegt zuunterst im Neubau, dunkel und am Eingang mit einer Art Schleuse: Bei der Tür steht ein Tisch mit Einweg-Plastikhauben, wie man sie aus Fabriken und Labors kennt. Eine Schutzzone? Gefahrenzone? Laborsituation? Ein Erprobungsraum? Hier verwandelt sich der Zuschauer zum Akteur. Also Haube auf zum dunklen Raum. Wer sich dem verschliesst – aus Angst, Verunsicherung, Desinteresse –, der verpasst das Werk, das sich prozesshaft erleben lässt, indem man/frau durch diesen Werk-Raum im Untgegeschloss mäandriert, hin und her, von einer Wand in die Mitte, von skulpturalen Inszenierungen unter Verwendung von asiatischen Torsi der Rietbergsammlung zu Maeder' schen Wandzeichnungen, von laborartigen Assemblagen zu Projektionen ausgestorbener Sprachen bis zu einem aufgeschlagenen Künstlerbuch, wo Schweizer Dialektlieder auf indische Zeichen stossen.

Statt einer white-cube-Situation inszeniert Jso Maeder gleichsam ein Negativ davon. Eine schwarze Folie, auf der sich statt Werke mit festgeschriebenem Marktwert neue Wahrnehmungs- und Erkundungsräume auftun: kein Werk (vis-à-vis) haben, sondern darin sein. Eine Auslegesituation, wo Bezüge da sind oder vor den Betrachtern und durch sie neu entstehen, wo Kommunikation geschieht zwischen den Teilen und mit mir in einem offenen Raum, wenn ich mich darin bewege. Philosophie, Geschichte, Fragen nach der Wahrnehmung, und Fragen nach unserem eigenen Ort im Ganzen tauchen auf. Was ist hier fremd? Sind es die asiatischen Gottheiten, die statt unter Glas ungeschützt auf Sockeln stehen, oder sind es die farbigen Clownnasen unter dem Schutzglas, die dadurch Wichtigkeit erhalten? Was wird hier im Untergeschoss des Museums unter die Lupe genommen? Verstehen wir überhaupt etwas von all dem Geheimnisvollen, das im Rietberg Museum ausgebreitet ist – oder zeigt dieses Gastspiel zeitgenössischer Kunst, dieses museum hacking, recht eigentlich, dass wir im Grunde keine Ahnung haben und wir uns unsere eigenen Interpretationen zurecht legen, die nicht einmal nachzuprüfen sind, da unser Erkenntnisinteresse uns den Blick verstellt?

In diesem Sinn ist Maeders installativer Raum, dieses Schattenreich eine kritische Antwort auf die übliche Museums- und Kunstlandschaft. Er zeigt uns nicht das Subjekt-Objekt-Verhältnis, das wir so gewohnt sind. Ich hier, das Werk dort. Nein. Ich werde einbezogen, beteiligt, involviert. Eingewickelt (involutum) im eigentlichen Sinn des Wortes – wenn ich mich denn einwickeln lasse. Denn das ist ein wenig unbequem: Haube auf, rein ins Dunkel, sich selbst und dieser Versuchsanordnung überlassen. Und wie und wo komme ich da wieder heraus (ironischerweise befinden sich im Raum zwei Notausgänge, die nicht zur Installation gehören: Notausgänge-aus-dem-Werk-aus-dem-Museum). Zahlreiche Museumsbesucher meiden diesen Saal bei ihrem Rundgang, leider. Involviert werden ist nicht jedermanns Sache.
Geführter Rundgang zur Sonderschau im Museum Rietberg