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Roman Signer, Mind the Gap!

In der Galerie Hauser & Wirth Zürich war bis vor kurzem ein Werk von Roman Signer ausgestellt, das mich sehr beeindruckte: In der Ausstellung  dringt vorerst unverständlich, doch wiederholt eine Lautsprecherdurchsage ans Ohr. Wir gehen vorbei an zwei Betten mit hellblauen Matratzen, zum Doppelbett zusammengestellt. Und plötzlich verstehen wir die Durchsage, die dazu gehört. Es ist die Warnung aus der Londoner und der New Yorker U-Bahn: Mind the Gap! Achtung, gefährlicher Spalt zwischen Perron und Zug.

Was für ein Bedeutungstransfer vom öffentlichen in den ganz privaten Raum, den Roman Signer in seiner Arbeit aus dem Jahr 2001 vornimmt! Wer es gewohnt ist, mit seinem oder seiner Liebsten im Grand Lit zu schlafen, weiss um den Liegekomfort. Nähe und Distanz lassen sich fliessend verändern, ohne dass ein Spalt zwischen zwei Matratzen stört. Im Doppelbett mit zwei Matratzen und Spalt dazwischen gelten indes andere Regeln. Da werden Betthälften zu Rayons. Kommst du zu mir oder rück ich zu dir? Wer liegt auf dem heimtückischen Spalt, von dem man nie weiss, ob er plötzlich auseinander klafft? Und wer kehrt wann wieder zurück in die eigene Betthälfte?

Roman Signer thematisiert die Nähe bzw. Entfernung und Entfremdung zwischen Liebenden. So ein Spalt tut sich unmerklich auf, und er kann grösser werden, bis er zum unüberwindlichen Graben wird, und niemand hat es realisiert im Alltagsleben, wo jeder sein Ding macht. Zugleich kann mind the gap aber auch als Impuls dafür stehen, hin und wieder ganz bewusst eine Lücke zu schaffen für einen Hauch von Freiheit zwischen zwei Individuen, die ein Paar bilden. Thank you, Roman Signer, we will mind the gap;-)