Gesehen, gelesen, gedacht. Für Sie zur Inspiration.

Als die Bilder laufen lernten...
Vor gut 100 Jahren begann die Geschichte der bewegten Bilder, des Kinos. Varieté, Zirkus und Schaubuden boten das Ambiente für Spektakel-Kurzfilme mit Akrobaten, Zauberkünstlern und Schlangenmenschen. Wer an der Zürcher Bahnhofstrasse flaniert, sieht neuerdings in einem Schaufenster auf einem riesigen Screen weder Zauberer noch Tänzerinnen, sondern in der LED-Installation «Walking» des britischen Künstlers Julian Opie stilisierte menschliche Figuren, die nichts anderes tun, als endlos zu gehen und doch nirgends hinzukommen.

Diese «Gehenden» an der prominentesten Einkaufsmeile Zürichs im Schaufenster eines Modegeschäfts üben einen Sog aus – obwohl oder gerade weil es wenig zu sehen gibt – ausser Bewegungen, die an Models auf dem Catwalk erinnern.

Die Menschen vor 100 Jahren kamen, um in laufenden Bildern Spektakuläres zu sehen. Hier sehen wir nichts als unsere stilisierten Ich' s in motion. Ist das das endlose Selfie, das wir gern von uns hätten? Und wären neue Kleider ein Weg dazu? «Kaufe, kaufe, nid verbiilaufe!» schrie der Billige Jakob in unseren Kindertagen. Julian Opies Kunstwerk «Walking» inszeniert das «nid verbiilaufe» als paradoxe Intervention.